Gedicht des Monats Mai 2026 – Julius Sturm
Frühlingsgespenster
Ich saß noch spät in meinem Zimmer,
Studierend bei der Lampe Schimmer,
Und ob mein Auge müd und matt,
Wandt' ich doch emsig Blatt um Blatt.
Da klopft' es plötzlich an mein Fenster;
Ich glaube zwar nicht an Gespenster,
Doch weil gar hoch mein Fenster war,
Schien mir das Klopfen wunderbar.
Ich spähte in die nächt'gen Räume,
Der Mond schien freundlich durch die Bäume,
Tief unten schlug die Nachtigall
Sonst tiefes Schweigen überall.
Doch kaum saß ich zu lesen nieder,
Da klopft' es auch vernehmlich wieder,
Weit macht ich nun das Fenster auf,
Und ließ den Klopfern freien Lauf.
Und plötzlich schwärmten durch das Fenster
Zwei braune surrende Gespenster; —
Maikäfer waren's, die's verdross,
Dass ich im Zimmer mich verschloss;
Dass ich mich über Bücher härmte,
Genießend nicht wie sie, durchschwärmte
Die linde, weiche Maiennacht
Voll Blütenduft und Sternenpracht.
Julius Sturm (1816-1896)


